Datenmissbrauch bei der Postbank: Was die Vermittler über Kunden wussten

28. Oktober 2009 | Kategorien: Aktuell, Finanzen & Versicherungen | Tags: , , , ,

Die Postbank hat auf Kritik des Verbrauchermagazins Finanztest am mangelhaften Datenschutz reagiert. Bis zur endgültigen Klärung der Rechtslage wird den freien Vertriebsmitarbeitern des Instituts der Zugriff auf ihre Datenbanken gesperrt. Das war auch dringend geboten, wie neue Einblicke von Finanztest zeigen. Sie legen offen, wie leicht und in welchem Umfang Postbankkunden für Finanzberater und Handelsvertreter zu gläsernen Menschen wurden.


Nach der Finanztest-Veröffentlichung hatte die Postbank noch bestritten, dass freie Handelsvertreter der Postbank Finanzberatung AG bundesweit Zugriff auf Millionen Girokontodaten haben. Dies könne höchstens regional der Fall sein. Doch noch während der Pressekonferenz meldeten sich bei Finanztest verärgerte Handelsvertreter des Postbank-Vertriebs. Die Postbank mache bewusst falsche Angaben zur Nutzung der Kundendaten, erklärten die Vertriebsmitarbeiter. Vor der Sperre hätten sie bundesweit Postbank-Girokonten einsehen können – von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen.

Mit einem Klick zum gläsernen Kunden

Mit einem Klick auf den Menüpunkt “ICFB” (Internet Client Finanz-Beratung) habe man, wenn man den Kundennamen und sein Geburtsdatum eingegeben habe, folgende Informationen bekommen: Name, Privatadresse, Telefon, Familienstand, Beruf und Kinder. Zudem hätten die Vermittler erfahren, ob ein Kunde arbeitslos, angestellt oder selbstständig sei.

Gesehen haben die Berater nach Angaben von Finanztest auch alle Kontoumsätze. Sie konnten erkennen, wie hoch das monatliche Einkommen der Kunden ist, welche Versicherungsbeiträge gezahlt werden, wie viel Geld auf dem Sparkonto liegt und welche Finanzanlagen über ein Postbank-Konto laufen. All das sind Informationen, die ein Vermittler im Beratungsgespräch gut gebrauchen kann und die einen tiefen Einblick in das Leben der Kunden ermöglichen. Wer ins Girokonto sehen kann, der weiß selbst über intimste Sachverhalte Bescheid.

Besparen Kunde zudem einen Bausparvertrag der zur Postbank gehörenden BHW-Bausparkasse, könnten die Finanzvermittler auch diesen Vertrag ohne weiteres online bei der BHW unter dem Stichwort “Cockpit” ansehen – inklusive des zugehörigen Schriftwechsels zwischen dem Kunden und der Bausparkasse.

Vorgaben zur Nutzung von Kontodaten

Der Blick ins Girokonto erfolgte laut Finanztest mit System: Die Postbank-Vertriebsgesellschaft hätte ihre Mitarbeiter angehalten, die Kontodaten der Kunden ganz gezielt für den Verkauf von Postbank-Produkten durchzusehen. Laut internen Anweisungen sollten die Vermittler vor einem Kundenkontakt die Kontoumsätze der vergangenen 100 Tage insbesondere auf “Geldeingänge, Versicherungen, Steuererstattungen, Überweisungen an andere Banken” prüfen.

Neben der Einsicht in die bundesweite Datenbank erhalte jeder Berater von seinem Vertriebsdirektor oder Gebietsdirektor weitere Girokontodaten von Kunden aus seinem Vertriebsgebiet. Je nach Gebietsgröße seien es zwischen 800 und 1.000 Kundendaten, die für die Mitarbeiter in ein so genanntes “Kampagnentool” eingespeist würden.

System filtert größere Geldeingänge

Dieses Kampagnentool filtere größere Geldbeträge heraus, die auf einem Kundenkonto eingehen. In solchen Fällen seien die Berater angehalten, sich umgehend beim Kunden zu melden und einen Beratungstermin zu vereinbaren. Der Bearbeitungsstand der Kundendateien werde durch einen Vorgesetzten des Vertriebs ständig kontrolliert, erklärte ein Postbank-Berater aus Leipzig gegenüber Finanztest.

Die Kontrolle der Arbeit der Berater funktioniere über ein Kästchensystem, deren Farben von dunkelrot über gelb bis hellgrün reichten. Dunkelrot stehe für “nicht bearbeitet”, gelb für “Kunde nicht erreicht”, hellgrün für “Vertrag verkauft”. Ändert sich die Farbe des Kästchens nach der Nachricht über den Eingang eines Geldbetrags nicht binnen fünf Tagen, bekommen die Berater Ärger mit ihren Vorgesetzten, wie Finanztest unter Berufung auf Postbankvermittler weiter schreibt. Berater, die nicht genügend Verträge verkauften, würden als “Schwachmaten” beschimpft.

“Gute” Berater verkaufen einfach

Dagegen würden Berater gelobt, die Kunden viele Verträge aufschwatzten – egal, ob der Kunde diese wirklich brauche. Das Motto laute “Verkaufen, verkaufen, verkaufen”, um möglichst viele Provisionen für Vertragsabschlüsse zu verdienen, so die Verbraucherschützer. Wie ihnen Finanzberater der Postbank berichteten, sei der Verkaufsdruck von oben nach unten enorm, da Vorgesetzte im Vertrieb von jeder Provision eines untergeordneten Beraters einen Teil abbekommen würden.

Mehr zum Datenmissbrauch bei der Postbank gibt es bei Finanztest unter www.test.de/postbank.

Quelle: Stiftung Warentest / Finanztest
(ENDE) verbraucher-impuls.de/28.10.2009

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